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Dokumentation der Tagung "Berufliche Qualifikationen nutzen - auch ohne Nachweis"

Rund 120 Expertinnen und Experten zu Arbeitsmarkt und Integration kamen am 3.5. im Kieler Musiculum zusammen. Zur Diskussion stand, wie ausländische Berufsqualifikationen auch ohne vollständige Unterlagen anerkannt werden können. Deutlich wurde, dass es auch in Schleswig-Holstein bereits viele gute Ansätze gibt. Es müssen aber auch neue Verfahren entwickelt werden!

Programm der Tagung

Vortrag von Dr. Madhu Singh, Unesco Institut für Lebenslanges Lernen
"Praxis der Kompetenzanerkennung von Migranten und Flüchtlingen: Von internationalen Beispielen lernen"


Vortrag von Joachim Ritzerfeld, Westdeutscher Handwerkskammertag
"Prototyping Transfer - Berufsanerkennung mit Qualifikationsanalysen"


Vortrag von Michael Klees, g.a.s.t. e. V.
"TestAS - Test für ausländische Studierende"

Podiumsdiskussion „(Neue) Möglichkeiten der Anerkennung von Berufsqualifikationen ohne Dokumente“

  • Veronika Langner, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
  • Sabine Rief, IQ Netzwerk Schleswig-Holstein
  • Joachim Ritzerfeld, Westdeutscher Handwerkskammertag
  • Madhu Singh, Unesco Institut für Lebenslanges Lernen

Moderation: Nora Lassahn, IQ Netzwerk Schleswig-Holstein

Impressionen der Tagung

Fotos: Hamid Saeidi

Worauf kommt es bei neuen Ansätzen zur Anerkennung von Abschlüssen ohne Nachweis an? Dazu referierte Dr. Madhu Singh vom Unesco Institut für Lebenslanges Lernen. Anerkennung bedeute, „alles, was jemand im Laufe des Lebens gelernt hat, wertzuschätzen“, so ihr Plädoyer. Singh forscht im internationalen Kontext zu Möglichkeiten, Kompetenzen anzuerkennen. In ihrem einführenden Vortrag beschrieb sie auch gute Beispiele aus anderen Ländern. Dabei sei es wichtig, Anerkennungsverfahren auch auf der lokalen Ebene sektorübergreifend anzusiedeln. Auch Arbeitgeber müssten ermutigt werden, an Kompetenzanerkennung mitzuwirken. Singh konstatierte: „Anerkennung ist für Leute die Erfahrung haben, die Talente haben – es ist wichtig, dass diese Talente auch ohne Dokumente anerkannt werden! Die Verfahren müssen viel offener, viel einfacher sein.“

Wie die Anerkennung von Qualifikationen auch ohne Unterlagen schon in der Praxis umgesetzt wird, verdeutlichte Joachim Ritzerfeld vom Westdeutschen Handwerkskammertag. Er stellte das Projekt „Prototyping Transfer“ vor. Wer zum Beispiel einen handwerklichen Beruf erlernt, aber nicht mehr alle Zeugnisse hat, kann bei den Handwerkskammern eine sogenannte „Qualifikationsanalyse“ ablegen – eine praktische Arbeitsprobe, direkt in einem Betrieb.

Mit Blick auf studienwillige Flüchtlinge präsentierte Michael Klees von der Gesellschaft für Akademische Studienvorbereitung und Testentwicklung e.V. den „Test für ausländische Studierende“. Dieser fragt in unterschiedlichen Sprachen studienrelevante Inhalte ab und soll es so ermöglichen, ein im Ausland begonnenes Studium in Deutschland aufbauend auf dem bereits vorhandenen Wissen fortzusetzen.

Dies sind gute erste Ansätze. Doch es gibt auch noch viele Hürden: Dies verdeutlicht der Fall von Abdul Elah Alhasan. Der syrische Spezialist für Kühl- und Klimatechnik  ist schon seit zwei Jahren in Kiel, konnte in seinem alten Beruf jedoch trotz langjähriger Erfahrung und mühsam beschaffter Dokumente nicht wieder Fuß fassen.

„Das ganze Verfahren und das Besorgen von Unterlagen dauert so lange, dass viele sich anders orientieren“, berichtet Naurus Amin, die in der IQ Anerkennungsberatung in Kiel tätig ist und auch Herrn Alhasan beraten hat. Dass lange Wege im Anerkennungsverfahren  für viele Geflüchtete große Hürden darstellen, unterstrich auch Farzaneh Vagdy-Voß, Projektleiterin des IQ Netzwerks Schleswig-Holstein:„ Um ihre Familien nachzuholen, müssen viele Flüchtlinge eine unqualifizierter Beschäftigung nachgehen. So verdammt der Familiennachzug viele, deren Angehörige im Krieg unter Bomben leben, dazu, irgendeiner Beschäftigung nachzugehen, obwohl sie eine berufliche Qualifikation haben.“

Was kann getan werden, um Potentiale wie das von Herrn Alhasan zu nutzen und nicht zu verschwenden? Dazu diskutierten anschließend Veronika Langner, Referatsleiterin Studierendenservice für ausländische Studierende am International Center der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Sabine Rief, IQ Qualifizierungsberatung in Kiel, Joachim Ritzerfeld und Dr. Madhu Singh.

Sabine Rief berichtete von unumgänglichen Hürden bürokratischer Praxis: So gäbe es im Ausland viele Berufe, die es in Deutschland so nicht gibt. Solche Fälle hätten von Anfang an keine Chance auf Anerkennung. Und auch wenn es einen vergleichbaren Beruf in Deutschland gäbe, ist das Beschaffen von Dokumenten häufig problematisch. Bei handwerklichen Berufen müsse beispielsweise oft eine Ausbildungsordnung von einem Bildungsministerium im Herkunftsland - teilweise auch übersetzt - eingereicht werden. Doch die gibt es nicht überall.

Etwas einfacher ist es zumindest für jene, die in Kiel zurück an die Uni möchten. Veronika Langer rief dazu auf, in die Beratung des International Center zu kommen – mit vollständigen, oder auch mit unvollständigen Unterlagen.

Dr. Singh setzte die Kompetenzfeststellungsverfahren in Deutschland noch einmal in einen internationalen Rahmen. Obwohl das Gesetz über die Feststellung der Gleichwertigkeit von Berufsqualifikationen (BQFG) in Deutschland ein hohes Niveau anerkannter Abschlüsse sicherstellt, mahnte sie an: „Mir fällt auf, dass in Deutschland alles sehr bürokratisch ist. Man ist immer noch sehr auf Dokumente und Nachweise angewiesen. Wenn ich das mit anderen Ländern vergleiche, glaube ich, dass es hier sehr zeitaufwendig ist. Mir fehlt irgendwie, dass mehr Leute erreicht werden können. Es gibt so viele Personen, die Zugang zu Anerkennungsverfahrung haben müssten.“

Die Diskussion auf dem Podium wurde von eindringlichen Plädoyers aus dem Publikum unterstützt: Viele berichteten von Erfahrungen aus der Beratung und Betreuung, dass motivierte Fachkräfte durch lange Wartezeiten, bürokratische Auflagen oder fehlende Angebote entmutigt würden. Am Ende herrschte große Einigkeit darüber, dass es zwar gute Ansätze gibt, Kompetenzen anzuerkennen – diese aber weiter ausgebaut und geöffnet werden müssten.

So betonte auch Farzaneh Vagdy-Voß, Projektleiterin vom IQ Netzwerk Schleswig-Holstein: „Die Botschaft der heutigen Veranstaltung ist, dass die Potenziale von qualifizierten Menschen auch ohne nachweisbare Unterlagen genutzt werden sollten. In Anbetracht der Tatsache, dass es in Deutschland einen Fachkräftemangel gibt und dieser in Zukunft noch deutlich zunehmen wird, ist dies auch aus wirtschaftlichen Gründen geboten und nicht nur aus integrationspolitischen.“