Vielfalt in der Altenpflege: Herausforderungen und Chancen auch in der Ausbildung

Am 7. Juli 2017 lud das Projekt diffairenz des IQ Netzwerks Schleswig-Holstein interessiertes Fachpublikum in die UKSH-Akademie ein.

Den 5. Deutschen Diversity Tag nahm das Projekt diffairenz zum Anlass, um sich mit ca. 30 Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Ausbildungseinrichtungen und Altenpflegeeinrichtungen sowie anderen Interessierten über die Vielfalt in der Altenpflegeausbildung auszutauschen.

Die Fachveranstaltung  „Früh übt sich …“ - Interkulturelle Öffnung in der Altenpflegeausbildung beschäftigte sich mit der Frage, wie die Altenpflegeausbildung aufgestellt sein muss, um mehr und mehr Diversität sowohl bei den Bewohnerinnen und Bewohnern von Einrichtungen als auch in den Pflegeteams  gerecht zu werden.  Pflegeeinrichtungen. Die Leiterin des veranstaltenden Projekts diffairenz, Astrid Willer, begrüßte das Fachpublikum und sprach einleitende Worte zur Veranstaltungsidee, die aus dem Arbeitskreis „Transfer“ hervorgegangen ist. In diesem Arbeitskreis sitzen verschiedene Altenpflegeeinrichtungen des Landes zusammen und widmen sich ihren jeweiligen institutionellen Fragestellungen und Bedarfen der interkulturellen Öffnung.

Einen ersten thematischen Überblick über Herausforderungen in der Altenpflegausbildung gab Frau Taiss Waziri (Pädagogin für Pflege- und Gesundheitsberufe M.A.). Als Hauptherausforderungen, mit denen die Altenpflege und die Pflegeausbildung stehen, benannte sie den demographischen Wandel, die Alterung der Gesellschaft, schlechte Bedingungen in der Pflege und den wachsenden Fachkräftemangel, dem teilweise versucht wird durch Anwerbung aus dem Ausland zu begegnen. Diese Anwerbung bereichere laut Waziri einerseits sowohl die Belegschaft als auch die Gesellschaft. Andererseits existiere in Deutschland ein Pflegeausbildungssystem, das vielen ausländischen Fachkräften unbekannt sei – dazu gehöre zum Beispiel das hiesige  Berufsverständnis von „Pflege“.

Hier müsse eine gute interkulturelle Lehr-und Lernberatung ansetzen, so Taiss Waziri. Darüber hinaus sei es wichtig, dass alle Beteiligten sich unabhängig von der Herkunft mit eigenen  Werten und Normen auseinander- setzten. Denn gerade die Begegnung mit anderen Lebenskonzepten und Berufsverständnissen könne zu Missverständnissen und Spannungen führen. Wenn sich jedoch jeder/jede Pflegemitarbeitende der eigenen Werten und Normen  bewusst wäre, würde dies zu mehr Verständnis und Empathie und einem besseren  Miteinander führen. Dies ginge  nur mit der permanenten Selbstreflexion und ggf. einer kollegialen Beratung im Team.

Wie Vielfalt im der Ausbildung im Konkreten berücksichtigt werden kann,  stellten Anja Kuß und Arne Durau von der Altenpflegeschule Neumünster der IBAF gGMBH im Vortrag „ Migrationssensible Curricula in der Altenpflegeausbildung: Ein Praxisbericht“ dar. Im dort verwendeten Curriculum  werden Themen wie Biographiearbeit, Ethik, Grundlagen der Kommunikation, interkulturelle Pflege, Arbeiten in multikulturellen Teams, Umgang mit Sterben und  Trauer etc. unter Vielfaltsaspekten behandelt. Da es in der der Altenpflegeschule in Neumünster Auszubildende aus praktisch aller Welt gebe, wären oft in den Ausbildungsgruppen beispielsweise verschiedene Herangehensweisen an Pflegeinhalte und Pflegeverständnis, zum Teil auch unterschiedliche Herangehensweisen an das Lernen präsent und würden gemeinsam mit den Auszubildenden diskutiert.

Eine kontrovers diskutierte Frage in der anschließenden Diskussion war, ob für alle Auszubildenden in der  Ausbildung unabhängig vom jeweiligen Sprachlevel die gleichen Zeitlimits gelten sollten. Einige Auszubildende sprechen Deutsch nicht als Muttersprache. Hier gilt darüber nachzudenken, wie dies zum Beispiel in Prüfungssituationen, die Stress hervorrufen können, z. B. durch mehr Zeit  oder Unterstützung berücksichtigt werden könnte.

Im Vordergrund der Diskussion stand jedoch die Frage, wie die vorhandene Diversität auch in Bezug auf Migrationsgeschichte wahrgenommen und berücksichtigt werden kann, ohne kulturellen Zuschreibungen Vorschub zu leisten. Der Beruf der Altenpflege ist durch eine hohe Belastung und viele Herausforderungen gekennzeichnet. Besonders in stressigen Situationen neigen wir alle dazu, unbekannte Arbeitsweisen oder Herangehensweisen zu bewerten und „in Schubladen zu packen“. Hier liegen die Kunst und das Spannende für alle Beteiligten. Während es wichtig ist, Unterschiede  zu akzeptieren und aufeinander einzugehen, auch Missverständnisse zu thematisieren, soll die Zuschreibung „Migrationshintergrund“ nicht automatisch zur Erwartung unterschiedlicher Herangehensweisen und Bewertungen führen. Einige der Teilnehmenden berichteten aus ihrer Erfahrung in der Praxis, dass ein offenes Gespräch über unterschiedlichen Systeme und Alltagskonzepte – unabhängig von Einzelpersonen – letztlich zu mehr Miteinander und Offenheit geführt hat. Auf dieser Basis sei es leichter gefallen, auch die Gemeinsamkeiten zu erkennen und Kolleginnen und Kollegen bzw. Bewohnerinnen und Bewohner in ihrer Individualität zu sehen.

Es wurde abschließend festgestellt, dass das Bewusstsein allein für das Thema nicht ausreiche. Mindestens ebenso wichtig seien strukturelle Bedingungen wie z. B. Supervisionsmöglichkeiten, Anpassungen der Curricula und bessere Bezahlung in der Pflege.

Hier steht der Veranstaltungsflyer zum Download bereit.

 

Hier finden Sie eine Liste mit hilfreichen und interessanten Links:

IBAF: Altenpflegehilfecurriculum unter dem Leitbild von Integration und Vielfalt (Projekt Ilka)

IBAF: Materialsammlung im Rahmen des abgeschlossenen Projektes „Willkommen Vielfalt in der Altenpflege“

IQ Netzwerk Hessen: Empfehlungen und Materialien für eine sprachförderliche Qualifizierung in der Altenpflege Frankfurt 2014.

IQ Netzwerk Hessen: Kommunikation in der Pflege – berufsbezogenes Deutsch B1-B2 Leitfaden zur Nutzung des Online-Kurses „Kommunikation in der Pflege“

Deutsche Alzheimer-Gesellschaft (Hrsg.): Demenz und Migration, Alzheimer-Info 1/2915

Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Migration und Integration: Pflege und Pflegeerwartungen in der Einwanderungsgesellschaft Berlin 2015

IQ Netzwerk Bayern: Werkzeugkoffer passgenaue Einarbeitung Der Vielfalt eine Brücke bauen. München 2017.

Weitere Informationen zur passgenauen Einarbeitung: www.gab-muenchen.de

Zeitschrift clavis 1/2016: Gesundheitsmarkt – Jobs für Viele

IQ Förderprogramm, Fachstelle berufsbezogenes Deutsch: Fortbildungen berufsbezogenes Deutsch im IQ Förderprogramm 2017

IQ Netzwerk Schleswig-Holstein: www.iq-netzwerk-sh.de

IQ Projekt diffairenz – Schulungen zur Interkulturellen Öffnung und Antidiskriminierung: Seminarangebote

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