Aktuelles
Wie kann eine bildungsadäquate Arbeitsmarktintegration in Schleswig-Holstein gelingen?
News
Ausgangslage
Die beschleunigte Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten ist ein zentrales Ziel der Arbeitsmarktpolitik – und ein wichtiger Beitrag zur Fachkräftesicherung. Programme wie der Jobturbo setzen bewusst auf einen schnellen Zugang zu Beschäftigung. Eine schnelle Vermittlung in den Arbeitsmarkt allein reicht nicht aus. In der Praxis zeigt sich ein Spannungsfeld zwischen zügigem Einstieg und nachhaltiger, qualifikationsadäquater Arbeitsmarktintegration.
Herausforderungen in der Praxis
Viele Geflüchtete bringen berufliche Qualifikationen und wertvolle Erfahrungen mit. Ein schneller Einstieg in den Arbeitsmarkt ermöglicht zwar finanzielle Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe. Doch im Rahmen des Jobturbos arbeiten viele Menschen in Tätigkeiten, die weit von ihrem erlernten Beruf entfernt sind – und unterhalb ihres Qualifikationsniveaus liegen.
Die Folgen:
- Dequalifizierung
- ungenutzte Fachkräftepotenziale
- erschwerte berufliche Weiterentwicklung
Weitere strukturelle Hürden:
- Anerkennungsverfahren verzögern sich durch frühe Arbeitsaufnahme
- Sprachentwicklung ist schwer mit Erwerbstätigkeit vereinbar
- Beratungsprozesse zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse oder zu Anpassungsqualifizierungen enden oft nach der ersten Vermittlung
Was braucht es für eine nachhaltige Integration?
Arbeitsmarktintegration muss parallel gedacht werden – nicht nacheinander. Das bedeutet:
- Vermittlung in Beschäftigung, Sprachförderung, Anerkennung sowie Qualifizierung bzw. Anpassungsqualifizierung müssen von Beginn an besser aufeinander abgestimmt werden.
- Angebote des Förderprogramms IQ – Integration durch Qualifizierung in Schleswig-Holstein sollten möglichst früh genutzt werden, idealerweise vor der ersten Vermittlung, um eine passgenaue berufliche Orientierung zu ermöglichen.
Ein weiterer zentraler Aspekt:
Menschen mit Fluchterfahrung und unsicherer Bleibeperspektive gehören zwar nicht zur primären Zielgruppe des Förderprogramms IQ – Integration durch Qualifizierung, stellen jedoch ein großes ungenutztes Fachkräftepotenzial dar.
Daher braucht es politische Rahmenbedingungen, die:
- sichere Aufenthaltsperspektiven schaffen
- frühzeitigen Spracherwerb ermöglichen
- den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern
Ein früher Einstieg in eine Tätigkeit, die nah am erlernten Beruf liegt, verbessert nicht nur langfristige Chancen auf volle Anerkennung, sondern unterstützt auch den Spracherwerb im Arbeitskontext.
Empfehlungen aus der Fachrunde
Die Diskussion machte deutlich, welche strukturellen Verbesserungen notwendig sind, um den Jobturbo nachhaltig wirksam zu gestalten:
- Qualifizierung auch nach der Vermittlung ermöglichen
Weiterbildung darf nicht mit dem ersten Job enden. Beschäftigte brauchen realistische, arbeitsbegleitende Qualifizierungswege. - Bessere Zusammenarbeit aller relevanten Akteur*innen
Vermittlung, Beratung, Arbeitgebende und Qualifizierungsanbieter müssen enger zusammenarbeiten. Verbindliche Kooperationsstrukturen – etwa automatische Beratungseinladungen nach der Vermittlung – können hier unterstützen. - Niedrigschwellige Sprachförderung während der Beschäftigung
Berufssprachkurse müssen flexibel, arbeitsbegleitend und niedrigschwellig gestaltet sein. - Anerkennung und Qualifizierung bzw. Anpassungsqualifizierung stärken
Der schnelle Einstieg in Arbeit darf nicht dazu führen, dass Anerkennungsverfahren oder Anschlussqualifizierungen aufgeschoben oder abgebrochen werden. - Mehr Verantwortung und Flexibilität von Arbeitgebenden
Unternehmen sollten Beschäftigte für Qualifizierungsmaßnahmen freistellen und Lernprozesse im Arbeitsalltag aktiv unterstützen – insbesondere beim Spracherwerb.
Fazit
Der Jobturbo ist ein wichtiger Schritt hin zu einer schnelleren Arbeitsmarktintegration. Damit er nachhaltig wirkt, muss er weiterentwickelt werden – von schneller Vermittlung hin zu qualifikationsadäquater Integration. Eine Vermittlung in prekäre Hilfstätigkeiten reicht nicht aus. Für eine nachhaltige Integration braucht es:
- koordinierte Kooperation aller beteiligten Akteur*innen
- kontinuierliche Qualifizierungs- und Weiterbildungsangebote
- zugängliche Sprachförderung auch während der Beschäftigung
Nur so wird aus schneller Integration auch nachhaltige Teilhabe – und aus Potenzial echte Fachkräftegewinnung.
Aurelie Djotsa